Sonntag, 23. September 2012

Hjorth & Rosenfeldt - Die Frauen, die er kannte

Genre: Krimi
Gebundene Ausgabe: 726 Seiten 
Verlag: Rowohlt Polaris
Erscheinungsdatum: August 2012
ISBN: 978-386252206

Dem Profiler und Psychologen, Sebastian Bergman, plagt zu Beginn des Romans die Langeweile und über die ganze Geschichte Trauer. Diese versucht der promiskuitive Protagonist, mit ständig wechselnden Liebschaften zu umgehen und stalkt desweiteren noch seine Tochter, die aber nicht weiß, dass Sebastian ihr Vater ist.
 

Sebastian würde gern wieder, wie früher, mit der Polizei zusammen arbeitet. Doch aufgrund seines miesen Charakters will ihn dort nicht wirklich jemand sehen. Dann geschehen wiederholt Morde, nach immer dem gleichen Prinzip und wie es scheint, kann nur der Kriminalpsychologe diese Herausforderung meistern. Allerdings, erreicht das Geschehen, eine Tragweite mit der Sebastian und andere Charaktere nicht gerechnet hätten...

Da ein Kriminalpsychologe der Hauptprotagonist des Romans ist, bin ich davon ausgegangen, dass man eben auch im Buch einiges über Psychologie erfährt. Zumal auch durch unterschiedlichen Quellen, auf einen Psychologischen Touch hingewiesen wurde. Doch weit gefehlt, nur in kurzen Schüben kommt das Thema Psychologie zum Vorschein, was mich sehr enttäuscht hat.
 

Die ersten zweihundert Seiten kann man gänzlich vernachlässigen oder der Teil hätte gekürzt werden sollen. Denn hier werden die Person zwar ansehnlich dargelegt, jedoch zum Großteil mit vollkommen sinnlosen Passagen die nicht direkt etwas mit der Geschichte zu tun haben oder irgend einen erkennbaren Einfluss auf diese ausüben. Den ersten Band habe ich nicht gelesen (nach dem lesen des vorliegenden Bandes, habe ich es auch nicht vor), dennoch denke ich wird gerade während der ersten zweihundert Seiten, der erste Teil immer wieder reflektiert. Diese Tatsache ist zwar sehr angenehm, da man so das Buch trotzdem durchackern kann, aber mir sind es ein wenig zu viel Reminiszenzen die nicht unbedingt notwendig sind.

Dienstag, 18. September 2012

Leif Randt - Schimmernder Dunst über CobyCounty

Leif Randt - Schimmernder Dunst über CobyCounty
Genre: Gegenwartsliteratur
Gebundene Ausgabe: 191 Seiten 
Verlag: Berlin Verlag
Erscheinungsdatum: 6. August 2011
ISBN: 978-3827010278


Eine fiktive Stadt irgendwo im nirgendwo, in der alles formvollendet und schön ist und die Bewohner Spaß haben am treiben in CobyCounty teilzunehmen. Wim ist einer dieser Bewohner, und dennoch recht melancholisch gestimmt, der mit seinem besten Freund Wesley das pulsierende Leben in der Schönwetterstadt genießt und auf den Frühling wartet. Doch Wim weiß nicht so recht ob er diese Art zu leben auch wirklich will, ob ihn dieser möglicherweise hedonistische Lebensstil behagt. Fortan versucht Wim herauszufinden, welche Möglichkeiten die Existenz in einer solchen Welt noch für ihn offenbart.


Man findet sehr schnell in das Buch hinnein. Manchmal tauchen aber Sätze auf bei denen man nicht genau weiß, ob man sie richtig verstanden hat. Das vorwiegend wohl auch daran liegt, dass der Autor gerne mal ein paar Oxymorone einbaut und man erstmal etwas stutzt. Doch genau solche Mittel tragen zum fulminanten Schreibstil bei. Leif Randt schafft es eine ganz eigene Stimmung aufzubauen, der den Leser in die Gefühlswelt von CobyCounty einlullt, und auf die Story kommt es dabei gar nicht an. Zum Beispiel hat so gut wie jeder Satz am Ende eines jeden Kapitels, einen gewissen Charakter, eine gewisse Kraft in der Schriftsprache, die ich gar nicht zu beschreiben vermag.
Allerdings musste ich bei dem Buch oft an Musik denken. Viele Stücke bei denen die Stille nach dem letzten Ton einsätzt, hat man dieses Gefühl der Vollkommenheit, dass die Musik erst so richtig interessant macht. Solch ein Gefühl stellt sich auch im Text ein. Manchmal musste ich auch an Synkopen denken, doch das wäre jetzt zu weit hergeholt.
Ausserdem sind viele Sätze kurz gehalten, das für mich auf irgend eine Weise an der Form eines Tagebuchs erinnert.


Die Stadt CobyCounty ist Fiktion und man erfährt auch nicht in welcher Region sie liegen könnte und in welcher Beziehung der Ort zu anderen Gebieten steht. Aber den Bewohnern geht es gut und alle sind bester Laune. Dabei erinnert mich CobyCounty etwas an Ogygia, dort wurde Odysseus von bestimmten Pflanzen betört und hat die Umgebung als unglaublich bezaubernd wahrgenommen (wenn ich das richtig in Erinnerung habe).

Nicht nur der Inhalt ist eine Wonne, auch das Design und die gestalterische und drucktechnische Umsetzung ist makellos und überzeugend. Gänzlich in weiß und silber gehalten, wobei das Silber in die Vertiefung der Prägung gedruckt wurde. Allein wegen dieses haptischen Genusses ist der Kauf des Buches, gerade für Sammler, wünschenswert. Eine weitere Finesse bietet das Papier an sich, denn das hat eine attraktive Eigenschaft, die irgendwie das Gefühl von Feuchtigkeit in den Fingern weckt.

Donnerstag, 6. September 2012

John Green - Das Schicksal ist ein mieser Verräter

John Green - Das Schicksal ist ein mieser Verräter
Genre: Jugendbuch, Gegenwartsliteratur
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten 
Verlag: Hanser Verlag
Erscheinungsdatum: 30. Juli 2012
ISBN: 978-3-446-24009-4

Ich will ehrlich mit Euch sein, ich kann Bücher wie dieses eigentlich nicht leiden: ein Mädchen, ein Junge, eine tödliche Krankheit, ein wuseliger und gehypter Autor mit einer Affinität für soziale Netzwerke und das Ganze dann auch noch aus der Jugendbuchabteilung, nein. Außerdem finde ich den deutschen Titel "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" schon mehr als nur dämlich - wofür Autor und Werk jedoch natürlich nichts können. Der Originaltitel "The Fault In Our Stars", eine Anspielung auf Shakespeares Julius Cäsar ("Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus, durch die eig'ne Schuld nur sind wir Schwächlinge.") ist eine deutlich bessere Wahl.

Und doch: Zu den wunderbarsten Dingen im Leben eines jeden Lesers gehört es zweifellos, überrascht zu werden. Dass ein Buch wirklich gut ist, zeigt sich vor allem dann, wenn die Geschichte einen mitreißt, berührt und unterhält, obwohl Klappentext und Handlung völlig uninteressant anmuteten, als man es im Buchladen in den Händen hielt. Und eben das ist hier der Fall.

Samstag, 25. August 2012

David Foster Wallace - Das hier ist Wasser / This Is Water

David Foster Wallace - Das hier ist Wasser / This Is Water
Genre: Sachbuch, Rede
Gebundene Ausgabe: 158 Seiten 
Verlag: kiwi
Erscheinungsdatum: 14. Mai 2012
ISBN: 978-3-462-04418-8

Wenn ich versuche, mich an die Abschlussfeiern in meinem Leben zu erinnern, schießen mir einige Dinge in den Kopf: Alkohol, Mädchen in tief ausgeschnittenen Kleidern, Discofox mit meiner Mutter und das unangenehme Gefühl, glänzende Lederschuhe tragen zu müssen. Woran ich mich jedoch nie erinnere, ist ein einziges Wort der vielen ermüdenden Abschlussreden, deren Zweck es doch eigentlich war, uns Absolventen für das Leben zu rüsten und zu motivieren.

Ich für meinen Teil bin den Verantwortlichen des Kenyon Colleges also mehr als dankbar, dass sie mir Abhilfe verschafft haben, indem sie den Starautoren und Literatur-Professor David Foster Wallace dazu brachten, die Abschlussrede für den 2005'er Jahrgang ihres Colleges zu halten. Kurz gesagt: David Foster Wallace hielt nicht nur die Abschlussrede, die ich hätte hören sollen, sondern die, die wir alle hätten hören sollen.

"Das hier ist Wasser", hier in der zweisprachigen Version aus dem Hause Kiepenheuer & Witsch, ist keine großspurige Sammlung von Floskeln, schwammigen Allegorien, Binsenweisheiten oder obligatorischen Aufforderungen zur Selbstbeweihräucherung, sondern ein unterhaltsames, ehrliches und vor allem überaus kluges Plädoyer für Demut, Empathie und Besonnenheit. Humorvoll und aufrichtig bereitet uns Wallace auf das Schlimmste von dem vor, was uns erwartet: auf uns selbst; auf unseren Umgang mit der Welt und der grauen Routine des Alltags. Es geht um Möglichkeiten und Entscheidungen und darum, wie wir die Dinge sehen, die uns umgeben; wie wir uns sehen - in einer Welt, deren Mittelpunkt nicht wir allein sind.

Eine großartige Rede, die es schafft, den Augenblick zu überdauern, in welchem man sie hört oder liest, die einen begleitet und noch Wochen später zum Nachdenken anregt. Das ist, worauf es bei einer Abschlussrede ankommt.

Note: 1,3
  • Humor: 2
  • Anspruch: 1
  • Spannung: /
  • Erotik: /
  • Piratenfaktor: 1

Dienstag, 21. August 2012

Christian Kracht - Faserland

Genre: Gegenwartsliteratur
Gebundene Ausgabe: 158 Seiten 
Verlag: dtv
Erscheinungsdatum: 7. Auflage Juni 2002
ISBN: 978-3423129824


Der Trip beginnt auf der Insel Sylt und geht quer durch Deutschland, über Hamburg, Frankfurt usw. bis nach Zürich. Auf dieser ziel- und planlosen Reise trifft der Held immer wieder alte Freunde und erfährt deshalb, gedanklich, eine Rückschau auf sein Leben und auch sonst durchlebt er einige Höhen und noch intensivere Tiefen. Dabei wird die Hauptperson, im zunehmenden Verlauf der Geschichte, immer mehr physisch und psychisch ein Wrack, was wohl zum Teil auch am Schlafmangel liegt.

Krachts Faserland gilt als der Auftakt zur Popliteratur. Mir ist allerdings nicht ganz klar was Popliteratur auszeichnet. Einige Parallelen konnte ich zu Leif Randt entdecken, denn beide Autoren benutzen zum Beispiel gerne die Wörter irgendwie, ziemlich und eigentlich. Der Grund, weshalb das Buch Faserland heißt, konnte ich leider nicht wirklich aufdecken. Meine Überlegungen dazu, erscheinen mir eher oberflächlich.
Die Narration wird von einem namenlosen, nihilistischen Protagonisten wiedergegeben. Der Namenlose ist etwas sadistisch, redet nicht sehr viel, denkt aber um so mehr. Dabei immer auf eine pessimistische Art, er nörgelt in Gedanken ständig über seine Umgebung. Desweiteren hat er Schwierigkeiten anderen Personen zuzuhören, da er immer wieder durch Gerüche oder dergleichen abgelenkt wird und in diesem Moment, an sein bisheriges Leben denkt. Auf seiner Reise trifft die Hauptfigur stetig auf den widerlichen Hedonismus, der sich zu dieser Zeit in Deutschland entfaltet und immer noch allgegenwärtig ist. Der hedonistische Lebensstil der anderen, ist dem Held überaus unangenehm, und er versucht dem zu entfliehen. Doch gelingt es ihm nicht, im Gegenteil, mit jedem Kapitel nehmen die Wirren des (seines) Lebens zu, und er fragt sich ob es denn überhaupt noch einen Sinn gibt. Zumal er sowieso ziemlich planlos durch die Gegend treibt, vielmehr mitgerissen wird. Dabei fragt man sich, ob der Namenlose einfach nur in einer Adoleszenzphase feststeckt, eine Midlife-Krise durchlebt, oder schlicht unter einer Depression leidet. Andererseits hat er einen überaus scharfsinnigen und kritischen Blick auf die Gesellschaft, obgleich ihn diese Gedankengänge womöglich seelisch zerstören.

Jene acht Kapitel, auf 158 Seiten, machen richtig Spaß. Was auch am hervorragenden Schreibstil liegt, der zum Teil auf verschrobener Art romantische Nuancen annimmt. Dennoch begibt man sich mit dem Protagonisten in eine Art Ritalin verseuchten Mainstream. Oberflächlich ist das Buch recht witzig, doch eigentlich voller Hass, dabei nicht selten äußerst poetisch und schonungslos.
Wenn man mal einen anderen gesellschaftskritischen Blickwinkel auf Deutschland ersucht, sollte man Krachts Faserland lesen. Irgendwie lässt das Buch, eigentlich ziemlich viel Raum für Spekulationen, besonders das Ende kann in vielerlei Hinsicht interpretiert werden.
Bedingungslos wunderbare Literatur.


Wenn ich dem Buch ein Musiktitel zuordnen sollte, würde ich “All Live But The Ending” von Circlesquare wählen, und nicht nur wegen den Lyrics. Der Song bauscht sich, genauso wie der Roman, zu einem Crescendo auf und endet dabei in Stille.



Note: 1,75
  • Humor: /
  • Anspruch: 2
  • Spannung: 2
  • Erotik: 2
  • Piratenfaktor: 1

Mittwoch, 8. August 2012

Jonathan Franzen - Freiheit

Genre: Gegenwartsliteratur
Gebundene Ausgabe: 736 Seiten 
Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 6. Auflage 8. September 2010
ISBN: 978-3498021290

Im Grunde vermag ich nicht, diesen epochalen Familienroman, in ein paar kurzen Sätzen zusammen zu fassen, geschweige denn zu rezensieren. Das Buch ist so gewaltig, mit so vielen Spektren gesegnet, dass mir gewissermaßen die Spucke weg bleibt.

Die ganze Geschichte dreht sich im wesentlichen nur um Patty und Walter, die ein liebevolles und aufopferndes Ehepaar sind, aber dennoch gelegentlich etwas bedauernswert erscheinen. Walter ist von dem Zeitpunkt an, als er Patty das erste mal sah, prompt in sie verliebt. Wohingegen Patty sich über Jahre hinweg den Kopf zermartert, ob den Walter der richtige für ihr Leben ist. Später kommen dann noch Pattys und Walters Kinder hinzu, Joey und Jessica. Die Kinder spielen natürlich eine tragende Rolle im Buch.
Dann wäre da noch Richard, der beste Freund von Walter, der ohne böse Absicht mit daran beteiligt ist, die Familie etwas zu zerrütten.

An und für sich sind mir stellenweise langatmige Texte zuwider. Doch in dem empathischen Kontext des Buches, entwickeln die jeweiligen Passagen eine gewisse Plastizität. Da Franzen die vielen Charaktere bis ins kleinste Detail beschreibt, und dies auf eine Art die keine Langeweile zulässt. Dabei unterstützend ist, dass er nicht chronologisch schreibt, auch mal in der Zeit dermaßen weit zurückspringt, um eine Person anhand ihrer Kindheit besser zu erklären und bekannt zu machen. Auf diese Weise erfährt man auch etwas über die Geschichte und noch mehr über das Wesen des Menschen an sich. Dieses hin und her springen zwischen den Personen und/oder den überlegten Situationen, ist noch ein Garant für jenen literarischen Hochgenuss.
Mir ist unerklärlich wie scharfsinnig Franzen hier die Emotionen, die Gefühle und die Psyche des Menschen aufklamüsert und irgendwie mit ein leicht dahinschwebenden Melancholie wiedergibt und dazu noch alles mit gesellschaftskritischem Inhalt füllt. Das alles mit einer Eloquenz, wie ich sie bisher nur von Autoren wie David Foster Wallace, Jonathan Lethem oder Johann Safran Foer, kenne. Kein Wunder also, dass der Familienroman schon vor der Veröffentlichung für Furore und gespanntes warten, sorgte.


Dieser epische und dramatische Lesestoff ist wirklich ein Meisterwerk der Schreibkunst.

Wenn ich dem Buch ein Musiktitel zuordnen sollte, würde ich “Primavera” von Ludovico Einaudi wählen. Das Auf und Ab des Liedes, spiegelt die Gemüter und Zustände des Buches wieder.


Note: 1,5
  • Humor: /
  • Anspruch: 1
  • Spannung: 2
  • Erotik: 2
  • Piratenfaktor: 1 

Dienstag, 24. Juli 2012

Rezensenten gesucht!

Lieber Leser,
wir sind immer auf der Suche nach neuen Autoren für den Blog. Du würdest gern am Buchpiraten-Blog mitschreiben? Du glaubst, du hast das Zeug dazu? Finde es heraus und sende zwei deiner Rezensionen (eine positive/eine negative) an buchpiraten@aol.com.
 

Sonntag, 15. Juli 2012

Carlos Ruiz Zafón - Der Schatten des Windes

Genre: Gegenwartsliteratur, Kriminalroman 
Taschenbuch: 562 Seiten 
Verlag: Suhrkamp/Insel
Erscheinungsdatum: 29. August 2005
ISBN: 978-3-518-45800-6

Daniel Sempere wächst als Sohn eines Antiquars im düsteren und tristen Barcelona der Franco-Ära auf, das von den Schatten der Vergangenheit und der Gegenwart beherrscht wird. Während die kleine Buchhandlung des Vaters kaum genügend abwirft, um die Beiden am Leben zu erhalten, verblassen langsam die Erinnerungen an Daniels Mutter, die der Cholera erlag, als er noch ein kleiner Junge war. Es ist ein karges Leben, doch beide arrangieren sich mit dem, was sie haben.

Eines frühen Morgens begeben sich Vater und Sohn auf einen Ausflug durch die noch dunkle Stadt. Es ist der Tag, an dem der zehnjährige Daniel in die Welt des "Friedhofs der vergessenen Bücher" eingeführt wird. Hinter diesem, zugegebenermaßen etwas plakativen Namen verbergen sich die labyrinthhaften Räumlichkeiten einer uralten Gesellschaft von Antiquaren, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Bücher zu bewahren, deren Fortbestand gefährdet ist. Es ist Ritus, dass jeder, der den Friedhof zum ersten Mal betritt, ein Buch aus den dunklen und geheimnisvollen Regalen auswählt, um es sein Leben lang zu schützen, bis es seinen Weg zurückfindet. Etwas unbeholfen streift Daniel durch die düstere Szenerie und entscheidet sich schließlich für "Der Schatten des Windes", den Roman eines gewissen Julián Carax.

Gefesselt und begeistert von "Der Schatten des Windes", versucht der Junge mehr über den Autoren in Erfahrung zu bringen, und muss doch schnell feststellen, dass dies alles andere als einfach ist. Der Autor ist verschwunden, und mit ihm die meisten seiner Bücher. Noch dazu häufen sich Gerüchte, das irgendjemand die letzten Exemplare von Carax-Romanen aufkauft, um sie zu vernichten.

Als Daniel eines Nachts am Fenster der spartanischen Wohnung über der Buchhandlung steht und in die Straßen seiner Heimatstadt hinausblickt, bemerkt er einen Mann auf der anderen Straßenseite, der rauchend, in geheimnisvolle Schatten gehüllt, auch ihn beobachtet. Die Szenerie erscheint dem Jungen merkwürdig vertraut, ist sie doch fast deckungsgleich mit einer der Passagen aus "Der Schatten des Windes".

Während Daniel älter wird, dringt immer mehr Vergangenheit ans Licht und die Grenzen zwischen dem Leben eines Daniel Sempere und dem eines Julián Carax scheinen allmählich immer mehr zu verschwimmen.

Mit der "Schatten des Windes" hat der spanische Bestseller-Gigant Carlos Ruiz Záfon seinerzeit nicht nur den Sprung von der Jugendliteratur in die ebenso mystische und düstere Welt der vermeintlichen Erwachsenen geschafft, sondern gleichsam den erfolgreichsten spanischsprachigen Roman nach "Don Quijote" geschrieben. Nun wissen wir, dass nicht jeder Kassenschlager solcherlei überdimensionierter Lob-Arien auch verdient (Liebe Grüße an Stephenie Meyer und E.L. James), doch hier ist dies mehr als nur gerechtfertig. Ein großartiges Buch voller Tragik, Romantik, Mystik und Spannung, dem es zusätzlich nie an erzählerischem Witz, sowie der nötigen Ernsthaftigkeit mangelt, denn neben der ohnehin schon packenden Handlung um den jungen Sempere nähert sich Ruiz Zafón einer fast vergessenen Epoche der jüngeren spanischen Geschichte an, deren Aufarbeitung nicht immer einfach ist. Aufrichtig und unprätentiös erzählt er von einer Ära des Terrors, des Verdrängens und der Unsicherheit, die nach dem Spanischen Bürgerkrieg und während der Diktatur Francos herrschte. 

"Der Schatten des Windes" ist der erste Roman, der als Quadrologie angelegten Saga um den "Friedhof der vergessenen Bücher" ("Das Spiel des Engels" (2008), "Der Gefangene des Himmels" (2012)), was dem Alleinstellungsmerkmal des Romans jedoch keinen Abbruch tut. Ruiz Zafón setzt in diesem Meisterwerk der Gegenwartsliteratur nicht nur seiner geliebten Heimatstadt Barcelona ein literarisches, wenn auch düsteres und verzaubertes Denkmal, sondern auch sich selbst. Ein fantastisches Buch, das nahezu alles kann: Es vermag Krankheiten zu heilen, Tote wieder zum Leben zu erwecken, aber vor allem; uns ein herausragendes Lesevergnügen zu bereiten.

Note: 1,4
  • Humor: 2
  • Anspruch: 1
  • Spannung: 1
  • Erotik: 2
  • Piratenfaktor: 1 
       

Dienstag, 10. Juli 2012

Robert Williams - Luke und Jon

Genre: Coming-of-Age, Gegenwartsliteratur
Taschenbuch: 192 Seiten 
Verlag: Berliner Taschenbuch Verlag
Erscheinungsdatum: 06. November 2010
ISBN: 978-3833307034

Luke Redridge ist dreizehn und lebt mit seinen Eltern ein normales und beschauliches Leben im grauen und regnerischen Vorstadt-England unserer Zeit. Sicher, Luke ist nicht unbedingt ein Siegertyp in der Schule, aber er ist ein talentierter Maler und eckt kaum an, was ja auch schon was wert ist, in der rauen Welt der Schulhöfe. Sein Vater ist Spielzeugmacher und seine Mutter eine liebevolle Idealistin mit Stimmungsschwankungen. Das Leben geht in geregelten Bahnen.

All das ändert sich jedoch abrubt, als Lukes Mutter, bei der inzwischen eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Tief getroffen ziehen sich Vater und Sohn in ihre eigene Welt zurück, jeder für sich. Nach kurzer Zeit häufen sich bereits die unbezahlten Rechnungen. Am finanziellen Abgrund angekommen, bleibt Lukes Vater nichts anderes übrig, als das Haus der Familie zu verkaufen und sich mit dem Wenigen, das ihnen noch bleibt, ein neues Leben aufzubauen, irgendwo anders, irgendwo, wo es billiger ist.

Und so landen die Beiden in Duerdale, einem nebligen Kaff in der englischen Provinz. Das wenige Geld reicht hier jedoch, zwischen schroffen Hügeln und Mooren, für ein verwahrlostes und einsames Haus auf einem Berg, nahe der Stadt. Träge und beinahe gleichgültig fügen sich die beiden in ihr Schicksal und das neue Leben, das sie nie wollten - immer noch ohnmächtig ob des Verlustes ihrer Mutter und Ehefrau. Luke zieht sich in seine Bilder zurück, deren Motive er in der kargen Umgebung des Hauses findet, Lukes Vater Gerald bestreitet mühsam den Lebensunterhalt der beiden, indem er Holzspielzeug in seiner Werkstatt anfertigt - seine ständigen Begleiter bleiben jedoch eine Flasche Whiskey und die geistige Abwesenheit eines Trauernden.

Das triste Leben der beiden Außenseiter wäre vermutlich ewig so weiter gelaufen, wenn nicht, aus dem Nichts, auf einmal ein dürrer und merkwürdig gekleideter Junge vor der Tür gestanden hätte, der nervös drauflos plappert. Jon, der zittrige Gast, entpuppt sich als Nachbarsjunge, dessen Schicksal dem von Vater und Sohn nicht so fremd ist. Luke und Jon werden zu Gefährten, und als die Sommerferien enden und die Schule beginnt, schweißt der Alltag aus Hänseleien und Ausgrenzungen die Freunde immer mehr zusammen. Und gemeinsam finden sogar alle drei Sonderlinge, auch durch die Hilfe eines riesigen Holzpferdes, mühsam ihren Weg zurück ins Leben.

Wie bei vielen seiner Zeitgenossen neigen die Menschen auch bei Robert Williams dazu, laut und apathisch "Salinger" zu brüllen, handelt seine Geschichte "Luke und Jon" doch von den Empfindungen eines Teenagers, ohne dabei etwas mit Vampiren zu tun zu haben. Anders als beim Genre-Epos "Der Fänger im Roggen" jedoch geht es hier nicht nur um das Erwachsenwerden in einer kalten und unverständlichen Welt, sondern vielmehr um den Umgang mit Verlust, Tod und einem Weg aus der Trauer. Was tun wir, wenn die Welt auf einmal und ganz plötzlich anhält, während sie sich für alle anderen weiter zu drehen scheint? Dieser Frage nähert sich Williams behutsam und klug in "Luke und Jon" an, ohne, dass er dabei pathetisch oder platt wird.

Überhaupt: Luke Redridge ist kein Holden Caulfield. Beim Lesen dieses herrlichen Buches musste ich mich vielmehr immer wieder daran erinnern, dass der Protagonist erst dreizehn ist, denn seine Gedanken wirken auf mich wie die, eines Erwachsenen: Sie sind nicht rebellisch und besonders impulsiv, sondern hilflos und aufrichtig ob der Tragik seiner und unserer Welt, die sich trotz allem immer weiter drehen muss.

Ein ruhiges, ein vorsichtiges und ungeheuer ehrliches Buch über Verlust, Zusammenhalt, Freundschaft und ja, über das Erwachsenwerden. Lesenswert!

Note: 2
  • Humor: /
  • Anspruch: 2
  • Spannung: 3
  • Erotik: /
  • Piratenfaktor: 1 

Dienstag, 3. Juli 2012

Haruki Murakami - Wilde Schafsjagd

Taschenbuch: 320 Seiten 
Verlag: btb (Random House)
Erscheinungsdatum: 04. September 2006
ISBN: 978-3442734740

Das Gefühl, das ich nach dem Auslesen dieses Romans hatte, kommt dem einer Ausnüchterung bei lebendigem Leibe ziemlich nahe. Nun meine ich dies bei Weitem nicht so negativ, wie man es durchaus auffassen könnte - was ich vielmehr ausdrücken wollte, ist, dass einen die furiose und verwirrende Geschichte wie eine erschöpfte und leere Hülle zurücklässt, die sich eben noch im Rausch einer wilden Nacht befunden hat.

Den Plot dieser völlig abstrusen und namenlosen Odyssee auf weniger als 320 Seiten wiederzugeben, ist wohl das, was man ein Ding der Unmöglichkeit nennt. Und genau darum geht es in dieser Geschichte; um Unmöglichkeiten. Nur so viel sei gesagt: Murakamis namenloser Protagonist, der 29-jährige Chef einer Werbeagentur im Tokyo der späten 70'er Jahre, bekommt die Pistole auf die Brust gesetzt; eine ominöse Organisation beauftragt ihn damit, ein bestimmtes und außergewöhnliches Schaf zu finden, das auf einem Bild zusehen ist, welches er - unwissenderweise - in einem Werbeprospekt veröffentlich hat - andernfalls droht die Organisation, die Agentur und seine ganze Existenz zu zerschlagen.

Nun handelt es sich nicht einfach nur um eine besondere oder seltene Gattung des Tiers, sondern vielmehr um ein völlig einzigartiges und magisches Schaf, das nicht nur von einem Menschen Besitz ergreifen kann, sondern wahrscheinlich sogar ein Interesse daran zu haben scheint, die Geschicke Japans und möglicherweise der ganzen Welt zu beeinflussen und ins Chaos zu stürzen. Das Foto, welches den Protagonisten überhaupt erst in diese augenscheinlich ausweglose Situation gebracht hat, wurde ihm von einem Jugendfreund zugesandt - das ist die einzige Spur.

Und so bleibt dem Helden und seiner Freundin, einem Ohrenmodel und Callgirl mit übersinnlichen Fähigkeiten, nichts anderes übrig, als aufzubrechen. Einziges Indiz ist und bleibt der Poststempel auf dem Brief des Freundes, der die Tragödie erst verursachte. Ihre Schnitzeljagd führt sie in die verlassene und kühle Einöde Japans, eine andere Welt, voller skurriler Charaktere und unglaublicher Ereignisse.

Murakamis metaphorische und erwartungsgemäß gutgeschriebene Geschichte beschäftigt sich, wie wohl beim japanischen Bestsellerautor üblich, mit den Themen: Verlust, Ordnung und Zeit. Und auch wenn sie mir zeitweise wirklich den Boden unter den Füßen weggerissen hat, so überzeugte mich dieser Steppenwolf im Schafspelz niemals so ganz. Alles ist verhältnismäßig stringent und im Stile eines Detektivromans gehalten (selbst der Protagonist liest immer und immer wieder in den "Abenteuern des Sherlock Holmes"), doch der Funke will einfach niemals so richtig überspringen. Was mir gefehlt hat, waren echte und wilde Emotionen, schließlich ist die Lage prekär und die Ereignisse mehr als außergewöhnlich - Murakamis Protagonist jedoch, fügt sich voller Trübsal und fast teilnahmslos in sein Schicksal, was dann eher den Eindruck eines Wochenendausflugs, als den, eines wirklichen Abenteuers erweckt.

Note: 3
  • Humor: 3
  • Anspruch: 2
  • Spannung: 3
  • Erotik: 3
  • Piratenfaktor: 4